
Gut, dass hat jetzt zur Abwechslung mal rein gar nichts mit Musik zu tun, aber ab und an müssen auch soziokulturelle Zwischentöne sein. Was für ein Bild, was für eine Aussage, es steht für sich selbst!
Gefunden habe ich es heute Mittag in Steinhude am gleichnamigen Meer (eigentlich ein besserer See) bei Hannover. Für mich war und ist dieser Ort der Inbegriff der niederdeutschen Spießbürgerlichkeit. Alles dort wirkt alt, abgegriffen, als hätte das menschliche Dasein irgendwann in der Siebzigern spontan aufgehört zu existieren. Zwischen Aalräuchereien und Hotels tummeln sich sonntags unter stahlgrauem Himmel massenweise Menschen, vorzugsweise Alte und junge Familien flanieren über die “Promenade” an einem der brackigsten, ödesten Tümpel, den man sich nur ausmalen kann. Kein geringster Hauch von Charme, von Exklusivität, trotzdem ist es das beliebteste Ausflugsziel der ganzen Region. Hier wird nicht mehr nachgefragt, man erscheint einfach, weil man weiß, was man bekommt.
Pausbäckige, rotnasige Männer geben sich im Restaurant bei Betrachtung der jungen Kellnerinnen lüsternen Altherrenfantasien hin und wanken vom Bier beseelt quer durchs in Jahrzehnten zusammengewürfelte Interieur in Richtung Toilette. Mittelalte Paare, hübsch kostümiert, essen ohne je ein Wort miteinander zu wechseln, es gibt Fleisch und dazu natürlich viel Soße, dieses vermeintliche Allheilmittel der traditionell deutschen Küche. Wenn ich die Augen schließe und nur lausche, öffnet sich mir eine längst vergangene Zeit, selbst wenn Kaiser Wilhelm persönlich mit Pickelhaube zum Diner anrücken würde, groß verwunderlich wäre es nicht. Die Welt befindet sich im beständigen Wandel, wird oft behauptet, hier fühle ich mich wie ein prähistorisches Fossil, eingemauert in Äonen plattgesessener Bürgerlichkeit.
Die Einheimischen ertragen alles mit stoischer Gelassenheit, hier wird am Wochenende das Einkommen eines ganzen Dorfes gesichert. Dann noch ein kurzer Spaziergang, der Geruch von Moder und Aalrauch, bis ich plötzlich davor zum Stehen komme. Besser als jede geschichtliche Abhandlung beweist genau dieses unscheinbare Toilettenhäuschen, dass der Begriff “typisch deutsch” nicht aus dem Elfenbeinturm bärtiger Soziologen stammt, sondern hier vor meinen Augen existiert. Er war immer da und wird es in Zukunft sein und was die viel schlimmer wiegende Erkenntnis ist: Ich bin ein Teil davon.